{"id":1055,"date":"2024-04-14T15:58:40","date_gmt":"2024-04-14T13:58:40","guid":{"rendered":"http:\/\/stubdi.rwth-aachen.de\/?page_id=1055"},"modified":"2024-04-14T16:01:23","modified_gmt":"2024-04-14T14:01:23","slug":"die-ungleichen-freundinnen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/stubdi.rwth-aachen.de\/?page_id=1055","title":{"rendered":"Die ungleichen Freundinnen"},"content":{"rendered":"<p>Die eine ist 88, die andere 24: Aber f\u00fcr Hella Krumbach und Carla Angerhausen f\u00fchlt sich das v\u00f6llig normal an.<br \/>\n\u00dcber den Studentischen Besuchsdienst Aachen haben sie sich kennengelernt.<br \/>\nVon <em>GEORG M\u00dcLLER-SIECZKAREK<\/em> &#8211; Aachener Zeitung\/Aachener Nachrichten, 23.12.2023 (<a href=\"https:\/\/www.aachener-zeitung.de\/lokales\/region-aachen\/aachen\/die-ungleichen-freundinnen\/5127137.html\">Originalartikel<\/a>)<\/p>\n<p>Hella Krumbach ist bester Dinge und lacht: \u201eWir quatschen \u00fcber Gott und die Welt\u201c, sagt sie, und Carla Angerhausen<br \/>\nnickt. Denn \u201equatschen\u201c, das machen die beiden so gerne wie ausgiebig. Die 88-j\u00e4hrige Heimbewohnerin und die 24<br \/>\nJahre alte Studentin z\u00f6gern nicht, wenn sie gefragt werden: \u201eJa, wir zwei sind richtige Freundinnen.\u201c Eine Freundschaft,<br \/>\ndie zwei Generationen \u00fcberspannt, die 64 Jahre Lebenserfahrung trennen; bei der die eine mit ihrer zweij\u00e4hrigen<br \/>\nUrenkelin spielt und die andere Eishockey und Volleyball \u2013 das ist auf den ersten Blick ziemlich au\u00dfergew\u00f6hnlich. F\u00fcr<br \/>\nHella und Carla aber f\u00fchlt es sich v\u00f6llig normal an.<br \/>\nAllerdings nicht selbstverst\u00e4ndlich, das ist auch den beiden klar: \u201eEs muss schon passen\u201c, sagt Carla. Es gebe ja kein<br \/>\nPatentrezept daf\u00fcr, die N\u00e4he zueinander sei halt auch \u201eein Gl\u00fccksfall.\u201c Was ganz sicher an Hellas Art liegt: \u201eSie ist<br \/>\ndirekt, das mag ich.\u201c Aber ein paar Dinge m\u00fcsse man schon mitbringen. Empathie zum Beispiel, ehrliches Interesse am<br \/>\nanderen, die K\u00f6rpersprache \u00e4lterer Menschen lesen zu k\u00f6nnen. \u201eUnd man darf niemanden mundtot machen\u201c, meint<br \/>\nHella Krumbach. Carla empfindet die Gespr\u00e4che mit \u00c4lteren grunds\u00e4tzlich als Bereicherung. \u201eEs ist doch schade, dass<br \/>\nviele Studierende niemanden \u00fcber 30 in Aachen kennen.\u201c<br \/>\nDie geb\u00fcrtige Wuppertalerin studiert Maschinenbau an der RWTH, neuntes Semester. In welche Richtung es nach dem<br \/>\nExamen gehen soll, wei\u00df sie noch nicht. \u201eSondermaschinenbau finde ich spannend\u201c, die Konstruktion von<br \/>\nEinzelmaschinen und Kleinserien im Kundenauftrag. Man wird sehen &#8230;<br \/>\nSchon gleich beim Start 2019 in Aachen will sie sich engagieren, st\u00f6\u00dft bei einer Messe auf den Studentischen<br \/>\nBesuchsdienst, doch dann kommt ihr Corona dazwischen. Als man sich wieder treffen kann, fragt sie bei Ingrid Schmidt<br \/>\nvom Begegnungszentrum im Aachener Haus H\u00f6rn nach \u2013 und steht einige Zeit sp\u00e4ter im Apartment von Hella<br \/>\nKrumbach. Das war vor zwei Jahren.<br \/>\nMan muss sich Hella Krumbach als eine fr\u00f6hliche und offene Frau<br \/>\nvorstellen, die mit sich und ihrem Leben im Reinen ist und die Dinge<br \/>\nso annimmt, wie sie kommen. Handicaps eingeschlossen: Der<br \/>\nGleichgewichtssinn ist nicht mehr der beste, als Folge einer<br \/>\nMakuladegeneration hat sie nur mehr f\u00fcnf Prozent Sehkraft, \u201eund<br \/>\nschlecht h\u00f6ren kann ich auch gut\u201c, sagt sie lachend \u2013 aber wenigstens<br \/>\nan Letzterem lasse sich ja etwas machen. Seit fast sechs Jahren lebt sie im Betreuten Wohnen auf der H\u00f6rn \u2013 \u201eund ich<br \/>\nhabe keinen einzigen Tag bereut\u201c. F\u00fcr sie passt das perfekt: eine kleine Wohnung mit Balkon und Blick ins Gr\u00fcne, aber<br \/>\nmit sicherer Versorgung und vielen Angeboten, vom Chor bis zur Wassergymnastik. Wenn sie jemanden treffen will,<br \/>\nsind es nur ein paar Schritte. Und wenn nicht, dann hat sie ihre Ruhe. \u201eFreundschaft ja, aber nicht um jeden Preis.\u201c<\/p>\n<p><strong>Unersch\u00fctterlich optimistisch<\/strong><br \/>\nEin nur sehr schwer zu ersch\u00fctternder Optimismus und ihr tiefer Glaube haben Hella Krumbach durch alle Lebenskrisen<br \/>\ngetragen. Vor 15 Jahren starb ihr Mann; einen ihrer beiden S\u00f6hnen verlor sie, v\u00f6llig unerwartet, mit gerade einmal 46<br \/>\nJahren, \u201eein schwerer Schlag\u201c. Aber auch damit hat sie ihren Frieden gemacht: Was Mutter als Kriegerwitwe geschafft<br \/>\nhat, das schaffst du auch, sagte sie sich und krempelte die \u00c4rmel hoch. \u201eIch hatte 46 Jahre lang einen tollen Sohn, und<br \/>\ndas k\u00f6nnen l\u00e4ngst nicht alle von sich behaupten.\u201c<br \/>\nDie beiden ungleichen Freundinnen sehen sich so, wie es gerade passt, etwa alle 14 Tage f\u00fcr zwei oder drei Stunden.<br \/>\nAm Ende geht\u2018s meist noch zum Mittagessen in die Cafeteria. Doch vorher wird geratscht, was das Zeug h\u00e4lt: Mal sind<br \/>\nes Geschichten, die Carla von ihren Reisen mitbringt \u2013 \u201esie schickt \u00fcbrigens jedes Mal eine Karte\u201c, freut sich Hella. Ein<br \/>\nandermal diskutieren sie \u00fcber die un\u00fcbersichtliche Weltlage. Oder \u00fcber Gold und die Frage, wie das edle Metall eigentlich entstanden ist. Oder sie reden dar\u00fcber, wie man so lebte und \u00fcberlebte als Kind und Halbwaise im<br \/>\nzerbombten Aachen.<br \/>\nHella war zehn, als der Krieg zu Ende ging, die Mutter musste mit einer winzigen Rente sie und die beiden Br\u00fcder<br \/>\ndurchbringen. \u201eOhne Frau Krumbach w\u00fcrde ich ja nie erfahren, wie Aachen fr\u00fcher war.\u201c Wie man sich aus Tr\u00fcmmern<br \/>\nund Not St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck einen gewissen Wohlstand erarbeiten konnte, das sei faszinierend zu h\u00f6ren, sagt die Studentin,<br \/>\ndie umgekehrt ihrer Paten-Oma eine Menge erkl\u00e4ren kann. \u201eSie ist ein kluges M\u00e4dchen\u201c, lobt Hella. Tabus kennen die<br \/>\nbeiden Frauen \u00fcbrigens nicht: \u201eWir k\u00f6nnen \u00fcber alles sprechen.\u201c<br \/>\nEine Freundschaft wie diese wird immer eine Ausnahme bleiben.<br \/>\nKontakte zwischen Jungen und Alten aber sollten es ihrer Ansicht<br \/>\nnach nicht sein. Denn die Zahl einsamer Menschen im Alter wird<br \/>\nsteigen. Aktuell leben \u00fcber zwei Millionen alte Menschen in<br \/>\nDeutschland allein. Die Gruppe der 80- bis 90-J\u00e4hrigen w\u00e4chst rasant<br \/>\nund wird sich nach Angaben der Malteser bis 2050 sogar mehr als verdoppeln.<\/p>\n<p><strong>Der Bedarf ist gro\u00df<\/strong><br \/>\nDie Nachfrage beim Studentischen Besuchsdienst ist denn auch gro\u00df, sagt Carla. Hinzu kommt, dass eine Reihe ihrer<br \/>\nKommilitonen ihr Studium in naher Zukunft abschlie\u00dfen und sich nicht mehr engagieren k\u00f6nnen. Nach der Pandemie<br \/>\nsei es ohnehin schwieriger geworden, Leute f\u00fcr den StuBdi zu gewinnen. \u201eWir brauchen aber dringend mehr<br \/>\nEhrenamtliche.\u201c Wobei sie selbst die Besuche bei Hella Krumbach \u00fcberhaupt nicht so empfindet, als Ehrenamt. \u201eF\u00fcr<br \/>\nmich ist das Spa\u00df\u201c, sagt die 24-J\u00e4hrige, wohingegen der Austausch mit Freunden auf Social Media oft genug<br \/>\nanstrengend sei. \u201eAuch wenn ich morgens mal schlecht gelaunt bin: Ich gehe von hier immer gl\u00fccklich nach Hause. Es<br \/>\ntut einfach gut.\u201c<br \/>\nUnd deswegen steht das n\u00e4chste Treffen der Freundinnen schon in Hellas Kalender. Es gibt ja wieder viel zu<br \/>\nbesprechen.<\/p>\n<p><strong>INFO<\/strong><br \/>\nDer Studentische Besuchsdienst Aachen, kurz StuBdi, ging 2014 aus einer Initiative von Studierenden hervor \u2013 Vorbild<br \/>\nwar eine Gruppe in M\u00fcnster. StuBdi wird von der Evangelischen Studierendengemeinde Aachen (ESG) unterst\u00fctzt, ist<br \/>\naber konfessionell unabh\u00e4ngig. Vermittelt werden Patenschaften zwischen Studierenden und \u00e4lteren Menschen, zudem<br \/>\nmachen die Ehrenamtler bei Seniorennachmittagen mit und bieten eine Tischtennisgruppe f\u00fcr Demenzkranke an, bei<br \/>\nder Luftballons statt der Zelluloidkugel \u00fcber die Platte fliegen. In Seminaren werden die Studierenden f\u00fcr ihre Aufgabe<br \/>\ngeschult. Die Pfarrerin der ESG, Swantje Eibach-Danzeglocke, bietet Hilfe an \u2013 auch f\u00fcr den Fall, dass die Paten-Oma<br \/>\noder der Paten-Opa sterben sollte.<br \/>\nVorgaben gibt es keine: Ausfl\u00fcge, Spazierg\u00e4nge oder einfach nur mal eine Runde reden \u2013 gemacht wird, was Spa\u00df<br \/>\nmacht, und wann es f\u00fcr beide Seiten passt. Die Studenten k\u00f6nnen w\u00e4hlen, ob sie lieber jemanden aus der Pflege oder,<br \/>\nwie im Fall von Carla und Hella, aus dem Betreuten Wohnen besuchen m\u00f6chten. Und Vorkenntnisse sind auch nicht<br \/>\nerforderlich.<br \/>\nWer mitmachen m\u00f6chte, kann sich auf stubdi.rwth-aachen.de informieren und dort gleich einen Mitgliedsantrag<br \/>\nausf\u00fcllen. Oder man schreibt an info@stubdi.rwth-aachen.de. Etwa 15 bis 20 Studierende aller Fachrichtungen<br \/>\nengagieren sich derzeit beim StuBdi und betreuen zwischen 50 und 60 \u00e4ltere Menschen. Die Gruppe sucht allerdings<br \/>\ndringend Verst\u00e4rkung, denn die Nachfrage nach Patenschaften ist gro\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die eine ist 88, die andere 24: Aber f\u00fcr Hella Krumbach und Carla Angerhausen f\u00fchlt sich das v\u00f6llig normal an. \u00dcber den Studentischen Besuchsdienst Aachen haben sie sich kennengelernt. Von GEORG M\u00dcLLER-SIECZKAREK &#8211; Aachener Zeitung\/Aachener Nachrichten, 23.12.2023 (Originalartikel) Hella Krumbach ist bester Dinge und lacht: \u201eWir quatschen \u00fcber Gott und die Welt\u201c, sagt sie, und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/stubdi.rwth-aachen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1055"}],"collection":[{"href":"https:\/\/stubdi.rwth-aachen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/stubdi.rwth-aachen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stubdi.rwth-aachen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stubdi.rwth-aachen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1055"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/stubdi.rwth-aachen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1055\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1062,"href":"https:\/\/stubdi.rwth-aachen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1055\/revisions\/1062"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/stubdi.rwth-aachen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1055"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}